Einmal rum …

Vier Tage vor Heiligabend holen wir einen leicht übernächtigten aber zufriedenen Jonas vom Flughafen Christchurch ab. Zwei jetlaglindernde Tage später beladen wir unser Großraumkraftfahrzeug (unglaublich günstige 7 € Miete am Tag) mit Klamotten für drei Menschen und neun Tage und starten gen Süden. Hostels und Motels sind natürlich schon Wochen vorher reserviert, da jetzt nicht nur die sonnenhungrigen ausländischen Touris sondern auch die eingeborenen Kiwis selbst in ihren wohlverdienten Sommerurlaub starten und die echten Wohnschnäppchen daher schnell weggebucht sind.

Oamaru
Wahrscheinlich würden 99% aller Touris durch Oamaru einfach durchbrettern, wenn dort nicht die durchaus spektakuläre Blue Peguin Colony beheimatet wäre. Es hat schon einen ziemlich hohen „Niedlich!“-Faktor, wenn mit Einbruch der Dämmerung die Linuxmaskottchen in Kleingruppen vollgefressen aus dem Meer auftauchen, sich am Strand sammeln, ein wenig soziale Interaktion pflegen und dann in Bataillionsstärke vorsichtig in ihre Höhlennester marschieren. Das ganze lässt sich nach Einwurf kleiner Münzen gemütlich und übersichtlich von einer 10 Meter entfernten Tribune genießen. Angeblich sehen die kleinen Frackträger das gleißende gelbe Flutlicht nicht, das die gesamte Szenerie taghell erleuchtet; vielleicht haben sie sich aber auch nur einfach zwangsweise damit arrangiert, jeden Abend auf ihrem Nachhauseweg von entzückten Menschenhorden gefeiert zu werden.

Die kostenlose Heimkehrbegutachtung der Gelbaugenpinguinkolonie ein paar Kilometer weiter (und ein paar Stunden früher) kann man sich dagegen getrost schenken. Die Beobachtungsplattformen sind so weit vom Strand entfernt, dass die Gelbaugen mit bloßem Auge nur gefühlte fünf Pixel groß sind. Nächtigen kann man übrigens sehr angenehm und komfortabel im Old Bones Backpackers (eines der wenigen Hostels mit kostenlosem WiFi).

Moeraki Boulders
Auf halbem Wege zwischen Oamaru und Dunedin liegen völlig unerwartet riesige nahezu kugelförmige, teilweise aufgeplatzte Steinklumpen mit einem Durchmesser von bis zu 3 Metern am Strand und reizen zu phantasievollen Erklärungsversuchen unter Verwendung der Begriffe Riesen, Murmeln, Wutausbrüchen …

Dunedin

Das Ülzen Neuseelands; Dunedins Bahnhof ist angeblich das zweitmeistfotografierteste Objekt der südlichen Hemisphäre (nach Sydneys Oper). Und das, obwohl der gute alte Friedrich Stowasser seine Finger hier überhaupt gar nicht im Spiel hatte;  Neuseeland beglückte er seinerzeit nur mit der öffentlichen Bedürfnisanstalt in Kawakawa.

Die Natures Wonders Tour: Naja – lustige achträdige Geländeschüsseln, Robben aus der Nähe, Tuxe und Gelbaugen (diesmal nur etwa drei Pixel groß), nette Landschaft. Langsam setzt die Übersättigung ein.

Absolut atemberaubend hingegen die gläserne Plattform in der Royal Albatross Colony. Wenn – wie üblich – starke westliche Winde wehen, kann man in wenigen Metern Entfernung sehen, wie die riesigen Natursegler ihre 3-Meter-Flügel ausklappen (und mit einem eigens dafür optimierten Gelenk so einrasten, dass keine weitere Muskelanspannung mehr nötig ist), den Kopf leicht heben und ohne einen einzigen Flügelschlag senkrecht nach oben starten, um dann regungslos beliebig lange im Hangauftrieb der Kolonie zu hovern, bevor sie auf dem Meer im dynamischen Segelflug Windgradienten ausnutzen, um riesige Strecken (auch gegen den Wind) ohne jeglichen eigenen Energieeinsatz zurückzulegen. Königlich animalische Flugregelung!

Als Reinfall des Jahrhunderts erweist sich die „Factory Tour“ durch die Cadbury Schokofabrik. Wie sich herausstellt, hat die gesamte Belegschaft gerade Urlaub, so dass wir nichts aber auch gar nichts von den Produktionsanlagen selbst zu sehen bekommen; stattdessen gibts Cadbury-Werbefilme und Disneyworld für Arme; aus der technik-interessierten Sicht eines Ingenieurs hyperenttäuschend.

Te Anau – Manapouri
Die kleinen Dörfer am Rande der gleichnamigen Seen leben von zwei Attraktionen: Den Fahrten in die Glowworm Caves und in den Doubtful Sound; beide preußisch durchorganisiert von Real Journeys. Schnittige, moderne, leistungsstarke Katamarane lassen es sogar mir schwerfallen, seekrank zu werden, ausführliche Sicherheitsinstruktionen wie bei Lufthansas, Rundumverglasung der Boote, gut ausgebaute Unterweltinfrastruktur in den Caves, witzig-informativer Bustransfer zwischen See und Sound, einfach professionelles Tourimanagement.

Am Rande des Lake Manapouri liegt die Manapouri Underground Power Station, ein gigantisches, 700 Megawatt starkes Stück neuseeländischer Kraftwerkskunst. Die Fahrt 200 Meter tief in massives Granitgestein, bedrückende atmosphärische Verhältnisse, monotone Geräuschkulisse und „Please don’t touch our living walls“, an denen Wasser über undefinierbare, schleimige, pflanzliche oder tierische Lebensformen herabläuft, lassen erstklassiges Half-Life-Feeling aufkommen.

Der Kiwi sagt ja, man könne in NZ alle vier Jahreszeiten an einem Tag haben und in der Tat oszilliert das Wetter im Fjordland mit einer Periodendauer weniger Sekundenbruchteile zwischen strahlendem Sonnenschein, erfrischendem Regen und beeindruckenden Hagelschauern.

Wasserfälle? Ja klar – wenn es regnet (und das tut es an der Westküste 200 Tage im Jahr) läuft das Wasser naturgemäß in Form eines Wasserfalles an den steilen Hängen der den Fjord einrahmenden Berge hinab. Beim ersten Wasserfall hält das Boot sogar auch noch an, damit alle Touris ihren Knipsdrang befriedigen können, beim zweiten Wasserfall zücken dann schon etwas weniger Menschen ihre Kamera und den 42. Wasserfall interessiert dann ernsthaft keine Sau mehr. Wir Menschen gewöhnen uns eben (manchmal leider, manchmal zum Glück) extrem schnell an veränderte Lebensumstände.

Gegen die Sandfliegenschwärme hat sich übrigens zuverlässig gutes deutsches Autan plus mit Icaridin bewährt. Wissenschaftlich sehr befriedigend, wenn die Drecksviecher wenige Zentimeter über der Hautoberfläche hovern und verzweifelt nach dem einzigen Quadratmillimeter Haut suchen, den man vergessen hat einzucremen.

Fox Glacier
Eigentlich wollten wir ja auf der Rückfahrt noch mal kurz echtes urzeitliches Gletschereis berühren, bevor die böse, böse Klimakatastrophe alles in profanes H2O verwandelt hat, aber an der Westküste fällt im Jahr etwa 9 Meter Regen und gefühlt kommt diese Wassersäule auf einen Schlag genau an dem Tage herunter, als wir die Fox und Franz Josef Gletscher passieren. Keine Chance auf Blue Ice.

Pancake Rocks
Tags darauf sind dann auch alle Pässe zurück nach Jesuskirchen überflutet, durch Steinschlag blockiert oder durch weggespülte Brücken etwas schwerer passierbar. Für uns die Möglichkeit, in Ruhe die Pancake Rocks in Punakaiki zu bestaunen. Touristisch hervorragend erschlossen, flanieren wir an surrealen, urgewaltigen Felsformationen vorbei, die bei den vorherrschenden Prachtbedingungen (Flut, starker Westwind) aus allen Blowholes pfeifen, donnern und krachen. Beeindruckend – sehr zu empfehlen! 

Akaroa
Auf der Webseite von Swimming With Dolphins heißt es ja: „An Unforgettable Experience“ und „In the last 12 months we saw dolphins on 98% of our cruises“. Schade nur, wenn man dann zu den bemitleidenswerten 2% gehört, die 4 Stunden Fahrzeit nach Akaroa verballern, dann 2 Stunden lang in nach Vorgängerschweiß stinkenden Wetsuits gastrointestinaltraktstimulierend von einer Welle zur nächsten katapultiert wird – dann aber leider überhaupt gar keinen Flipper zu Gesicht bekommt, geschweige denn mit einem baden gehen kann. Die abschließende Frage des weiblichen Buchungspersonals, ob mir denn wenigstens die Bootsfahrt gefallen habe, war sicherlich gut gemeint, führte mich aber dann doch an die Grenze meiner interkummunikativen Beherrschungsfähigkeit. Wie versprochen: „Eine unvergessliche Erfahrung …“

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2 Gedanken zu “Einmal rum …

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